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Pantaleón y las visitadoras

Francisco Lombardi Oyarzún Interview mit Francisco Lombardi Zwischen sozialer Wirklichkeit und literarischer Verfilmung
Francisco Lombardi Oyarzún

BIOGRAFIE

Francisco José Lombardi Oyarzún wurde 1949 in Tacna (Peru) geboren.
1968 studierte er in Santa Fé (Argentinien) an der von Fernando Birri gegründeten Filmhochschule (Instituto de Cinematografía), bis diese schliesslich von den Militärs geschlossen wurde.
Nach seiner Rückkehr (1969) arbeitete er – infolge der kaum vorhandenen Filmproduktion – als Filmkritiker des «Diario Correo» und war Mitarbeiter der Zeitschrift «Hablemos de Cine».
Nach der Verabschiedung des peruanischen Filmgesetzes (1974) gründete er seine eigene Produktionsfirma «Inca Films».
Bis 1977 drehte er diverse Kurzfilme, die sofort mehrere Auszeichnungen bekamen..


FILMOGRAFIE

1977
MUERTE AL AMANECER (Tod im Morgengrauen)

1978
Die Episode LOS AMIGOS (Die Freunde) in CUENTOS INMORTALES (Unsterblichen Geschichten)

1980
MUERTE DE UN MAGNATA (Tod eines Magnaten)

1983
MARUJA EN EL INFIERNO (Maruja in der Hölle)

1985
LA CIUDAD Y LOS PERROS (Die Stadt und die Hunde)

1988
LA BOCA DEL LOBO (Die Schlucht der Wölfe)

1990
CAIDOS DEL CIELO (Der Himmel über Lima)

1994
SIN COMPASION (Ohne Erbarmen)

1996
BAJO LA PIEL (Unter der Haut)

1998
NO SE LO DIGAS A NADIE (Sag es niemandem weiter)

1999 - 2001:
PANTALEON Y LAS VISITADORAS

2000
TINTA ROJA (Rote Tinte)

2003
OJOS QUE NO VEN

2006
MARIPOSA NEGRA

Interview mit Francisco Lombardi

(Auszüge aus diversen Interviews)

Pantaleón y las visitadoras ist, nach La ciudad de los perros (1985), bereits der zweite Roman Vargas Llosas, den Sie fürs Kino adaptiert haben.

Der Roman, welcher mir ausgesprochen gefällt, ist für eine filmische Umsetzung vermutlich der Schwierigste aller Romane Vargas Llosas, denn er baut auf den Berichten Pantaleóns an seine Vorgesetzten auf, welche durch ihre Originalität und den sorgfältigen Sprachwitz überzeugen, aber keine direkte filmische Umsetzung erlauben. Es fiel mir daher anfänglich schwer, mir die Geschichte in Szenen mit Personen aus Fleisch und Blut vorzustellen. Die erste Adaption von 1973, unter der Regie von Mario Vargas Llosa selbst, war alles andere als ein gelungener Film.
Mario hatte in seiner Version den humoristischen Aspekt des Romans in den Vordergrund gerückt, wodurch eine possenhafte Komödie entstand, deren Charaktere wenig glaubhaft sind und dem Publikum daher kaum Identifikationsmöglichkeiten bieten.
Doch die Drehbuchautorin Giovanna Pollarolo, mit der ich immer zusammenarbeite, schwärmte von der Vorlage, sodass wir uns der Herausforderung stellten. Über viele Umwege haben wir uns der Geschichte genähert bis allmählich etwas entstand, was überzeugte und uns gefiel.

Daher also diese freie Interpretation des Romans?

Seit dem Erscheinen des Romans sind mehr als zwanzig Jahre vergangen und trotzdem existiert dieser Dienst, wenn auch heimlich, noch immer – v.a. in den abgelegenen Gebieten des peruanischen Urwalds. So passten wir den Film der heutigen Zeit an und gaben Pantaleón ein Handy sowie ein Notebook in die Hand.
Trotz der detaillierten Analyse militärischer Denk- und Verhaltensmuster, die durch die minutiösen Berichte Pantaleóns glaubwürdig dem Leser vermittelt werden, schwebt für mich über der Geschichte Vargas Llosas etwas Magisches, etwas Phantastisches, etwas Unwirkliches. Um dieses “Traumhafte“ nun auf der Bildebene zu unterstreichen, versuchten wir uns dem wenig authentischen Farbton von vergilbten amerikanischen Afrikafilmen anzunähern.
Meiner Meinung nach sollte der Film auch unter diesem Gesichtspunkt gesehen werden – allerdings nicht ohne die Kritik am Militär und ihren Repräsentanten ausser Acht zu lassen.

In Ihrer Filmografie finden sich einige Literaturadaptionen wie bspw. Sin compasión frei nach «Schuld und Sühne» von Dostoievsky, No se lo digas a nadie, über ein Buch von Jaime Bayly sowie La ciudad y los perros, der – wie oben bereits erwähnt – ebenfalls auf einem Roman von Vargas Llosa basiert.

Bei nahezu all meinen Filmen hatte ich – auf die eine oder andere Art – als Ausgangspunkt einen Roman. Denn es ist viel leichter Geld für ein bereits bekanntes Buch als für ein Originaldrehbuch zu bekommen. Beispielsweise hat mich die Produktion von Caidos del cielo (1990) Jahre gekostet, da dem Drehbuch keine Vorlage zugrunde lag. Oft verstehen es nicht mal die Produzenten Drehbücher zu lesen, geschweige denn ihren Wert zu erkennen.
Ich glaube, dass nun – nach meinem letzten Film Tinta Roja (2001) – der Moment gekommen ist, eines meiner seit Jahren schubladisierten Drehbücher hervorzunehmen. Vermutlich werde ich dieses dann mit einer Digitalkamera realisieren, wodurch sich die Produktionskosten stark reduzieren lassen. In Peru wurden soeben die ersten digitalen Dreharbeiten eines Kinofilms abgeschlossen.

Als Sie die Hauptdarsteller auswählten, haben Sie dabei an die Chemie zwischen den beiden gedacht?

Für die Auswahl von Darstellern gibt es kein eigentliches Rezept. Es ist Teil meiner Arbeit, wobei ich dafür ein gutes Gespür entwickelt habe – speziell bei den Hauptrollen. Dieses mal war es so, dass ich mir Salvador [del Solar] für Pantaleón vorstellte. Ich habe mir dann seine früheren Arbeiten angeschaut und sah, wie er sich entwickelt hatte.
Angie Cepeda zog ich, neben anderen Kandidatinnen, während eines Gespräches mit dem Produzenten José Enrique in Betracht. Die Dreharbeiten zur Telenovela «Luz Maria», in der sie die Hauptrolle spielte, standen kurz vor dem Abschluss. Ich sah es als interessante Herausforderung, sie nun in einer ganz anderen Frauenrolle zu besetzen. Nämlich in der Rolle der Colombiana, eine durch ihre äussere Erscheinung bezaubernden Frau, die jedoch stets von einer melancholischen Traurigkeit begleitet wird.

Wo lagen die Hauptschwierigkeiten der Produktion?

Die Dreharbeiten im Amazonas-Urwald waren durch die grosse Hitze und Feuchtigkeit sehr anstrengend, da wir oft Einstellungen wiederholen oder die Schauplätze wechseln mussten. Besonders schlimm erging es den Frauen, welche die Rollen der “Besucherinnen“ spielten. Mit ihren kurzen Kleidchen waren sie vor den Moskitos kaum geschützt.
Viel Zeit verloren wir durch die schwierigen logistischen Umstände, insbesondere, durch den stetigen Austausch von Mitarbeitern zwischen Lima und den Drehorten im Urwald.

Wie erklären Sie sich den grossen Publikumserfolg Ihres Filmes?

Der Schlüssel des Erfolgs liegt sicherlich im Genre des Filmes. Die geweckten Emotionen bewegen sich zwischen Tragödie und Komödie und lässt den Kinobesucher zwischen Lachen und Weinen zurück. In dieser Mischung, glaube ich, liegt der Erfolg dieses Filmes.
Pantaleón war für mich eine Herausforderung, da ich mich zum ersten Mal mit diesem Genre auseinandergesetzt hatte. Umso mehr freute mich die phantastische Reaktion des Publikums an der Berlinale.

Wie reagierte Mario Vargas Llosa auf die Verfilmung seines Buches?

Er war vom Film sehr gerührt und meinte, dass ich Pantaleón in einen tragischen Helden verwandelt hätte.

Glauben Sie, dass sich das peruanische Kino nun aus seiner Krise befreien wird?

Das peruanische Kino entwickelt sich – allerdings nur in sehr kleinen Schritten. Doch dies ist immerhin besser als gar nicht. Aber um unsere nationale Filmproduktion einschätzen zu können, ist es viel wichtiger zu schauen, was die anderen, die nicht meine Möglichkeiten haben, machen. Sie alle sind nämlich vom Filmgesetz abhängig, welches jährlich die Produktion von sechs Filmen ermöglichen sollte.
Doch dies ist leider nur Theorie. Zur Zeit sind es nur drei oder vier Produktionen, die unterstützt werden, da die im Gesetz vorgesehenen Gelder nicht ausbezahlt werden.
Die Filmgeschichte eines Landes darf nicht von Zufällen bestimmt sein, wie dies beispielsweise durch meine Begegnung mit dem Produzenten José Enrique Crousillat der Fall war. Entscheidend ist, dass staatliche Förderstrukturen vorhanden sind und diese auch funktionieren.
Was dir die staatliche Filmförderung zur Verfügung stellt, ist viel weniger als die Hälfte der Mittel, die du eigentlich bräuchtest und zu alledem werden die Gelder nicht mal überwiesen...

Leben bedeutet für Sie filmen?

Definitiv ja!

Zwischen sozialer Wirklichkeit und literarischer Verfilmung

Obwohl Peru bis heute ein Land ohne nennenswerte Filmindustrie ist, hat es Lombardi geschafft, zu einem der renommiertesten Regisseure Lateinamerikas zu werden, mit einem Werk voller Kohärenz und einer eigenen Filmsprache.

Muerte al amanecer (Tod im Morgengrauen, 1977), ein eindringliches Plädoyer gegen die Todesstrafe, ist sein erster Spielfilm.
Später kamen Los amigos (Die Freunde, 1978), eine Episode der «Cuentos inmortales» (Unsterblichen Geschichten), Muerte de un magnate (Tod eines Magnaten, 1980), Maruja en el infierno (Maruja in der Hölle, 1983) und La ciudad y los perros (Die Stadt und die Hunde, 1985), nach dem gleichnamigen Roman von Mario Vargas Llosa dazu.
Mit La boca del lobo (Der Rachen des Wolfes, 1988) ist Francisco Lombardi der erste peruanische Filmemacher, der sich mit dem Thema der Gewalt und des schmutzigen Krieges auseinander setzt, der Peru Anfang der Achtziger an den Rand des Abgrundes brachte. Der Film spielt in Ayacucho in den Jahren zwischen 1980 bis 1983, als der Terror des «Leuchtenden Pfades» beginnt, und dringt in das Spannungsfeld zwischen den verfeindeten Parteien ein, wobei er die Verbrechen beider Seiten gleichermassen angreift. Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit mit den Sozialwissenschaftlern Carlos Iván Degregori und Gustavo Gorriti, den bedeutendsten Sendero-Experten des Landes.
Mit Caídos del cielo (Vom Himmel gefallen, 1990) beschäftigt sich Lombardi mit dem Überlebenskampf in den Zeiten des Neoliberalismus: ein erschütterndes und trauriges Besinnen auf Leben und Tod, auf Hoffnungslosigkeit und den Verlust von Träumen.
1994 dreht er Sin compasión (Ohne Erbarmen) frei nach Dostojewskis «Schuld und Sühne».
Zwei Jahre später entsteht Bajo la piel (Unter die Haut), ein Film um eine Mordserie in einer kleinen peruanischen Provinzstadt, der den Geist der präkolumbischen Moche-Kultur mit Edgar-Allan-Poe-Geschichten zu einem unheimlichen Thriller vermischt.
No se lo digas a nadie (Sag es niemandem weiter, 1998), auch eine literarische Verfilmung, nach dem gleichnamigen Roman von Jaime Bayly, handelt von Homosexualität, Geschlechterverhältnissen und Machismo.

Lombardis letzter Film Tinta roja (Rote Tinte, 2001) hat als literarische Vorlage den Roman des jungen chilenischen Schriftstellers Alberto Fuguet. In ihm wird die Geschichte eines jungen Autors erzählt, der sich als Journalist in der Boulevardpresse durchboxen muss und dabei seine anfängliche Unschuld verliert.